Warum ausgerechnet die Belohnung unsere Kreativität vernichtet

Unsere Gesellschaft beruht auf den Prinzipien von Leistung, Belohnung und Erfolg. Diese Prinzipien führen zu Wettbewerb und Fortschritt und sind maßgeblich für unseren Wohlstand verantwortlich. Dabei ist es aber sehr wichtig zu unterscheiden, was belohnt wird und wofür die Belohnung dient. Dient sie wirklich, den Erfolg einer erbrachten Leistung zu verstärken? Viel häufiger wird eine Belohnung als Motivationsversuch bereits im Vorfeld einer Aufgabenstellung in Aussicht gestellt. Ein großer Fehler!

Erste Lektion im Kinderzimmer: Aufgaben ohne Belohnung sind doof!

Wie das Prinzip von Leistung und Belohnung funktioniert, lernen wir schon im Kinderzimmer. Wenn wir unser Zimmer aufräumen, gibt es zur Belohnung anschließend ein Eis. Wenn wir ein gutes Zeugnis haben, bekommen wir 20 Euro als Lohn für die gute Leistung. Für jedes Tor, das wir beim Fußball schießen, schenkt uns die Oma ein Päckchen Panini-Sammelbilder (deshalb spielen wir dann auch den Ball nicht mehr ab). Was sich erst einmal motivierend anhört, entwickelt sich schnell zum Bumerang. Denn dieses Prinzip hat zwei entscheidende Haken:

  1. Die Notwendigkeit einer Belohnung suggeriert, dass das Lösen der Aufgabe nicht bereits Motivation genug ist. Die Aufgabe selbst muss also etwas schlechtes sein.
  2. Durch die Belohnung wird der Anspruch des Kindes immer größer. Was heute vielleicht noch das neue paar Inliner ist, muss morgen schon das nächste iPhone sein.

Belohnungen wirken wie Drogen. Man braucht immer mehr davon. Gleichzeitig nimmt sie uns den Spaß an der Sache selbst. Weil nicht mehr die Herausforderung oder die Aufgabe im Mittelpunkt steht sondern die Tatsache, wie ich an meine nächste Belohnung komme.

Ein Experiment: Wie wirkt sich eine Belohnung auf kreative Leistungen aus?

Erst vor kurzem habe ich von einem interessanten Experiment gelesen:

In einer Studie wurden zwei Mädchengruppen aufgefordert, Kindern ein neues Spiel beizubringen. Der ersten Gruppe hat man bei Erfolg eine Freikarte fürs Kino versprochen. Der zweiten Gruppe wurde die Aufgabe ohne Aussicht auf eine Belohnung gestellt.

Erfolgreicher hat die zweite Gruppe gearbeitet. Ohne auf eine Belohnung hinzuarbeiten. Das Ziel war ausschließlich den Kindern das Spiel beizubringen.

Eine ähnliche Untersuchung wurde in einem Pharmakonzern gemacht. Für ein erfolgreich abgeschlossenes Experiment wurde nur einer Arbeitsgruppe eine Prämie versprochen. Die Gruppe ohne Prämie schloss das Experiment nicht nur erfolgreich sondern auch als erstes ab.

Das erreichen der Belohnung ersetzt die Arbeitsqualität als Ziel

Wenn eine Belohnung das Ziel ist, wird ausschließlich der Weg gesucht, um den Status „erledigt“ zu erreichen. Qualität und Effizienz spielen keine Rolle mehr. Die Belohnung wird also nicht zum Antrieb sondern ersetzt diesen. Das ist der Grund, warum die Testgruppen ohne versprochene Belohnung stets qualitativ besser abgeschnitten haben.

Der Drang zu einer kreativen Lösung wird durch eine reine Zielerreichung ersetzt. Alle Menschen, aber insbesondere Kinder, haben ein hohes kreatives Potential, das nach Entfaltung strebt. Das Belohnungssystem trickst also unsere Neugierde nach Herausforderungen, knifflige Aufgaben zu lösen und Neues zu entdecken einfach aus.

Nach Aufgaben ohne Anstrengungen streben wir erst, wenn dieser natürliche Impuls in uns betäubt und die natürliche intrinsische durch extrinsische Motivation ersetzt wird. So ersetzen wir Spaß an der Sache durch den Spaß an der Belohnung und unser eigener Antrieb sowie unsere Kreativität wird durch die Belohnung verdrängt.

Positive Belohnungen werden zu Schmerzensgeld

Das kann im Laufe des Berufslebens so weit gehen, dass über Bezahlung und Incentives ausgeglichen werden soll, was der Job nicht mehr bieten kann. Vielleicht hast du auch schon vom Schmerzensgeld gehört oder gesprochen. Wenn dir einmal so ein Gedanke oder Satz über die Lippen kommt, denke dringend über eine Veränderung nach. Wer so denkt und fühlt, handelt klar gegen seine natürliche Bestimmung. Noch schlimmer. Es wird nicht mehr aus Leidenschaft, Neugier oder mit Spaß gearbeitet. Kreatives Arbeiten ist dann schon lange nicht mehr möglich!

Lasst euch nicht für Schmerzen bezahlen. Lasst euch für Aufgaben bezahlen, die ihr gerne tut. Die ihr auch ohne Geld machen würdet. Dann seid ihr richtig.

Fazit: in Aussicht gestellt Belohnungen bieten keine dauerhafte Motivation

Die Belohnungsreize sind nie von langer Dauer und flachen schnell ab. Zudem müssen Sie immer weiter nach oben geschraubt werden. Man braucht immer mehr und immer größere Belohnungen, weil sich ja sonst der Aufwand gar nicht mehr lohnt. Schließlich arbeitet man ab diesem Punkt nicht mehr für die Aufgabe, sondern die Belohnung. Entsprechend sinkt der eigene Antrieb. Dein Potential und vor allem deine Kreativität und Neugier verkümmern.

Belohnungen, die nicht als Zielersatz in Hoffnung einer falschen Motivation in Aussicht gestellt werden, sondern nach einer sehr guten kreativen Lösung als Feedback vergeben werden, wirken besser. Weil sie eine überraschende Komponente haben und somit den Erfolg verstärken. Sie sollten aber nicht zur Normalität werden, sonst sind sie ebenfalls wieder Bestandteil der Erwartungshaltung.

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