Der Heimspieleffekt: Mehr Erfolg im eigenen Wohnzimmer.

Warum sollte eine Mannschaft in Heimspielen erfolgreicher sein als in Auswärtsspielen? Fußballplätze sind genormt! Ein Strafraum ist immer gleich groß. Der Platz ist gerade. Das Tor steht überall am gleichen Platz. Und ist der Gegner nicht auch genau der gleiche, egal ob ich daheim oder auswärts spiele? Da kann ich mich noch so auf den Kopf stellen, die spielentscheidenden Parameter sind überall gleich!

Und trotzdem: Wenn in Deutschland jemand, meist freudig erregt, aufschreit „Hey, das ist ja ein Heimspiel für uns!“, weiß jeder, was gemeint ist: Hier liegt der Erfolg auf der Hand – wir sind der Herr im Haus und werden das Ding rocken!

Gehen wir der Sache auf den Grund: Sind Heimspiele wirklich erfolgreicher?

Lassen wir doch einfach mal knallharte Zahlen sprechen und richten den Blick auf den Sport. Dort, wo die Metapher des „Heimspiels“ ihren Ursprung hat. Und in Deutschland gibt es sowieso nichts anders als Fußball, oder? Also:

In der Fußball-Bundesliga ist es tatsächlich so, dass Heimspiele in jeder Saison erfolgreicher sind als Auswärtsspiele. Und das deutlich.

Ergebnisverteilung in der Bundesligasaison 2014/15:

47.4 %

Heimsiege

26.8 %

Unentschieden

25.8%

Auswärtssiege

Woran liegt das? Und lässt sich der Heimspiel-Effekt auf andere Bereiche übertragen. Können zum Beispiel gewohnte Büroräume den Erfolg unserer Arbeit oder in Meetings erhöhen?

Besonderheiten der Spielstätte zum Vorteil nutzen

Der Platz an sich ist genormt, aber natürlich gibt es Ausnahmen. Die Nationalmannschaft von Bolivien ist zum Beispiel extrem Heimstark. Kein Wunder – das Stadion liegt auf 3.600 Meter Höhe! Die Gegner sind auf diese Höhe einfach nicht eingestellt, da geht deren Leistungsvermögen schonmal durch den Fußboden.

Die klimatischen Bedingungen werden zur WM 2022 in Katar eine Rolle spielen. Deshalb soll das Turnier (nach aktuellem Stand) im Winter, statt wie üblich im Sommer, stattfinden.

Revierverhalten führt zur Leistungssteigerung

In der deutschen Bundesliga spielen jedoch weder Lage noch Klima am Spielort eine großartige Rolle. Hier ist dann interessant, was der britische Psychologe Nick Neave herausgefunden hat. Demnach springt bei den Fußballern in Heimspielen ein typisches Revierverhalten an. Der Körper stößt vermehrt Testosteron aus und sorgt so für eine erhöhte Reaktionsgeschwindigkeit und, im Sport nicht unwichtig, verbessert das räumliche Vorstellungsvermögen.

Hier ist dein Arbeitsplatz – er ist modern. Und jetzt schaff was!

Revierverhalten soll also der Bonus der Heimmannschaft sein? Das hat zwangsläufig auch viel mit Identifikation zu tun. Ist der Platz, an dem wir arbeiten „müssen“, also zwangsläufig unser Revier, nur weil dort unser Name am Tor steht und die Post geliefert wird?

Der TSV 1860 München war lange Jahre im Grünwalder Stadion zuhause. Es war die Kultstädte der „Löwen“ und würde es nach den Fans gehen, würden die 60’er auch heute noch dort auflaufen. Wie es der moderne Fußball aber so will, war das Stadion irgendwann nicht mehr gut genug. Da man bei den 60’ern aber finanziell noch nie auf Rosen gebettet war, beging man einen vielleicht folgenschweren Fehler. Gemeinsam mit dem Stadtrivalen Bayern München baute man 2005 die Allianz-Arena in der fortan sowohl die Bayern als auch die 60’er ihre Heimspiele austrugen.

Während im Grünwalder Stadion 61% der Heimspiele gewonnen wurden, sind es in der Allianz-Arena nur noch 42%. Das ist gravierend und führt zwangsläufig in den Tabellenkeller der zweiten Liga. (Stand 05/2015)

Hier ist dein Arbeitsplatz – er spiegelt unsere Identität wieder. Werde teil dieser Magie!

Die Fans identifizieren sich nicht mit der Allianz Arena. Und die Spieler? Kann man das Stadion, in dem der Stadtrivale und gleichzeitig der erfolgreichste Verein Deutschlands spielt, wirklich als das Revier der 60’er begreifen?

Die Idee zum Nestbau und somit zum Manifestieren der eigenen Identität am Arbeitsplatz hat der FC Schalke 04 auf die Spitze getrieben. Der „Malocher-Club“, historisch bekannt von den „Euro-Fightern“, sieht sich gerne als Kämpfernatur, als bodenständiger Arbeiterverein. Darüber kann man streiten, ist aber das gepflegte Selbstverständnis. Und das wird seit 2014 jedem Spieler und vor allem auch der Gastmannschaft direkt beim Einlaufen ins Stadion mehr als deutlich. Der Spielertunnel wurde kurzer Hand in einen Bergwerkstollen verwandelt. Offensichtlich beeindruckend!


Die Heimstärke war für die Schalker in der abgelaufenen Saison (14/15) ein echter Faustpfand. Während Zuhause eine gute Statistik zu Buche steht (10 Siege – 5 Remis – 2 Niederlagen), konnten Auswärts kaum Punkte eingefahren werden (3 Siege – 4 Remis – 10 Niederlagen). Ohne die Heimsiege hätten sich die Schalker getrost von der Euro-League verabschieden können.

Mach deinen Arbeitsplatz zu deinem Revier und verlass es dann!

Für Arbeitgeber heißt das also, Identifikation mit dem Arbeitsplatz zu ermöglichen. Dabei spielt die Gestaltung und Flexibiltät des Arbeitsplatzes eine entscheidende Rolle. Denn im eigenen Revier arbeitet man einfach viel lieber. Und die Kunst liegt darin, einerseits die Identität des Unternehmens weiterzugeben und gleichzeitig genug Raum und Flexibilität für die Individualität des Arbeitnehmers zu lassen.

Fußballspiele haben ja immer etwas von Kampf – 1:1, es gibt Sieger und Verlierer. Eine Situation, die den Arbeitsalltag nur in wenigen Berufen wiederspiegelt. Als Verkäufer z.B. ist jedes Verkaufsgespräch ein Qualifikationsspiel. In anderen Berufen ist der Alltag, das Liniengeschäft eher mit dem Training vergleichbar. Um das Training zu pushen, wird oftmals genau gegenläufig gehandelt. Trainingslager werden in einer anderen, neuen Umgebung veranstaltet. Es ist ein Ritual vor einer neuen Saison (= neues Projekt oder neues Geschäftsjahr im Unternehmen) das gewohnte Arbeitsumfeld zu verlassen. Zusätzlich greifen Trainer vor wichtigen Spielen oder Saisonphasen zu einem Kurztrainingslager. Oftmals ritualisiert an Orten, die positiv verankert sind.

Revierverhalten im Business – bewusst einsetzen.

Die entscheidenden Spiele aber trägt man doch am liebsten zu Hause aus. Das ist auch im Business oft in wichtigen Verhandlungen, Besprechungen oder Workshops zu beobachten. Wer kennt sie nicht, die Szenen aus den großen Hollywood-Streifen, wenn der Verhandlungspartner zu fünft anrückt und man kurzerhand noch zwei Praktikanten mit in die Besprechung nimmt, um dann eben zu sechst anzutreten? Klares Revierverhalten!

Und tritt man nicht in den eigenen vier Wänden viel forscher und selbstsicherer auf als in der Fremde? Logisch, hier genießen wir schließlich Heimrecht.

„Morgen muss ich zum Chef!“, ist eine Aussage, in der immer Respekt und Demut mitschwingen, handelt es sich dabei doch um ein klares Auswärtsspiel. Wenn sich der Chef jedoch auch mal am Arbeitsplatz blicken lässt und nach dem Erfolg sieht, wird das eher als Zeichen der Wertschätzung interpretiert als der regelmäßige Quartalsbericht im Chefbüro. Auch wenn die Gespräche dem gleichen Ziel dienen.

Der Heimspieleffekt lässt sich also auch im Business gezielt einsetzen. Und ebenso missbrauchen, dessen sollten sich insbesondere Führungskräfte bewusst sein. Wenn es um wichtige Verhandlungen, vielleicht sogar mit externen Dienstleistern oder Partnern, geht oder um Workshops, in denen man besonders glänzen möchte, schadet es aber sicher nicht, einen Veranstaltungsort in den eigenen vier Wänden zu wählen und die Veranstaltung zu einem Heimspiel zu machen.

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